Rückblick 2021

Neues aus der Frankfurter Anstalt

Ein Bericht über die Premiere am 11.Juni 2021 im Kulturhaus Frankfurt

Die Inszenierung von Alexander Bußmann zeigt drastisch- zugespitzt die kafkaeske Struktur einer Behörde, wie sie am Bürger vorbeifunktioniert : Einem Wohnungsssuchenden wird eine Bleibe für zwei Monate im Treppenhaus ohne Fenster angeboten. Einer durch Corona arbeitslos gewordenen Tänzerin, die ein neues Geschäftsfeld aufmachen will : ‘ Flaschensammeln‘, verweist man auf einen stadteigenen Flaschencontainer, dessen Zugang nur mit einem achtstelligen Zahlencod möglich ist. In der Frankfurter Anstalt tummeln sich Abgehängte, No Future –Menschen, die normalerweise nicht in der ( Fernseh-) Öffentlichkeit zu sehn sind. In der Behörde mangelt es an Infrastruktur :

Die Amtsuhr hat keinen Zeiger, der Drucker funktioniert nicht und die Mitarbeiter der Behörde, Herr Fontaine und Herr Fischer ( eine Anspielung auf die bereits in der Versenkung verschwundenen Politiker ? ) überwachen und bespitzeln sich vor dem Hintergrund, dass eine der zwei Stellen gekürzt werden soll. Alexander Bußmann als Herr Fontaine kommt als Persiflage eines immer wieder zur Verzweiflung neigenden Altlinken herüber, Tim Vollrath Kühne mimt bürokratisch zurückhaltend den angepassten neoliberal gestrickten Opportunisten, der sich in jedem System zurechtfindet. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Inszenierung von Bussmann das Thema ‚Zeit‘ oder anders ausgedrückt, Entschleunigung‘, in die uns der am Ende des Stücks auftretende Geist des ‚ Glücklichen Arbeitslosen‘ ( Brigitte Schroth ) führen will mit der Botschaft :Steigt aus der Turbo-Arbeitsgesellschaft aus !


Mai 2021

Irish Folk meets Irish Poetry

Ein Bericht über die Veranstaltung am 14.Mai 2021 in der Denkbar Frankfurt am Main

Akteure des Abends waren der Ex- Frontsänger der Doors- Tribute- Band „ The Changeling“ Ian Red und der in der Frankfurter Off- Theaterszene bekannte Regisseur und Schauspieler Alexander Bußmann, die ihr Programm Irish Folk meets Irish Poetry vorstellten. Während Red, einfühlsam an der Gitarre begleitet von Jens Mackenthun, traditionelle Irische Folksongs wie ‚Dirty old Town‘ , ‚Star of The County down‘ usw. dem coronabedingt spärlich erschienenen Publikum zum Besten gab, las Bussmann Gedichte des irischen Schriftstellers Matthew Sweeney. Auffallend dessen abgründiger, manchmal schwarzer Humor und seine Vorliebe für das Anarchische, ganz aus dem Geist der irischen Liebe zur Freiheit. Die zur Popliteratur gehörende Poesie Sweeney’s – und das machte den Reiz des Abends aus – war das Kontrastprogramm zu den traditionellen Irish Folksongs, in der mit grossem Pathos, teils hochdramatisch, charakteristische Themen der irischen Geschichte wie z.B. Deportation, Freiheitskampf gegen das britische Kolonialreich erzählt wurden. Die Zuschauer waren angetan von dem baritonalen, herzerwärmenden Timbre Ian Red’s , ebenso vom ausdrucksstarken, nuancenreichen Vortrag von Alexander Bußmann.


März 2021

Harz 4 plus – Das innovative Beschäftigungsprogramm mit Herz

Ein Bericht über die Veranstaltung am 29.3.2021 im Kulturhaus Frankfurt am Main

Beim Start des Programms, das sich auf seine Fahnen geschrieben hat, bei Arbeitssuchenden ihr Multitasking Potential abzufragen, statt bloss zu vermitteln, ist mächtig Sand im Getriebe : Für die drei Testtage gibt’s nur drei Anmeldungen. Herr Kleinschmidt, Leiter der vom Arbeitsamt outgesourcten Firma Inovabil, will’s trotzdem durchziehn, weil bei Nichtdurchführung der Massnahme die Fördergelder zurückgezahlt werden müssten. Die Story ist schnell erzählt : Am ersten Tag bewirbt sich ein gewisser Hovo als V- Techniker. Sein Traum: Am Broadway zu arbeiten. Herr Schmidt, für die Abwicklung des Testprogramms zuständig, macht ihm klar, dass die V-Branche grad tot ist . Am 2.Tag taucht Herr Wang auf. Sein Bewerbungsfeld : Koch, am besten Chefkoch. Sein Traum: Chefkoch in einem 6- Sternehotel. Herr Schmidt verweist ihn auf die coronabedingte Notlage der Gastronomie: Es gäbe ein Überangebot an Köchen. Am 3.Tag erscheint Herr Husch als Reinigungskraft. Uff Hessisch macht er klar, dass er überall und alles putze kann. Villen, Wagen Wagons, wenns sein muss auch Kinderwägen und dass er auch Opern singe kan. Dann passiert eine faustdicke Überraschung : Herr Husch verliert seine Perücke und outet sich als Herr Wang: Schmidt meldet Kleinschmidt den Fake, doch dieser will’s trotzdem durchziehn wegen der besagten Fördergelder. Der vierte Tag, die Theorieprüfung, verläuft für unseren Arbeitssuchenden höchst unbefriedigend : Man hat zwar keine Stelle für ihn, aber man bietet ihm eine Fortbildung an, wo er seine Persönlichkeit weiterentwickeln kann unter dem Motto : „Was bin ich ? Wass will ich ?“ Alexander Bußmann inszeniert Harz 4 plus – Das innovative Beschäftigungsprogramm mit Herz als eine absurde Alibiveranstaltung für Arbeitssuchende, in der die Bewerber unter dem Deckmantel der Innovation im Scheinheiligenschein der Humanität nicht einen guten Job, gut bezahlt also und gemäss ihrer Leistungskompetenz und Begabungen, vermittelt bekommen, sondern indem sie in eine sogenannte Massnahme gesteckt werden, aus der sie nicht mehr herauskommen. Kurz: Eine Verhöhnung des Menschen .

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