Ein Erlebnisbericht von Alexander Bussmann

Katharina Boettger/Lisa Voigt, Historisches Museum Frankfurt

Copyright: Katharina Boettger/Lisa Voigt, Historisches Museum Frankfurt

Die Frankfurter Botschaft -Eine performative Installation über die Frankfurter Stadtgesellschaft

Uraufführung am 12.08.2016 in der Weihehalle der Unitarier

I.Aufführungsbeschreibung

Es gab während der Performance viel zu sehen und zu hören zum Thema Stadt /Stadtgesellschaft /Stadtbürokratie: Man musste Formulare ausfüllen, um den Botschaftspass zu bekommen und dabei viel Wartezeit in Kauf nehmen. Gentrifizierung wurde als Zaubernummer geboten.

Eine Softwareentwicklerin in einem Frankfurter Start Up- Unternehmen erzählte im ICE- Tempo über ihre Ausbeutung, eine zombiehafte Dame, bestückt mit einer blutigen Hand, philosophierte über die Erkererkenntlichkeit‘ in der Frankfurter Altstadt‘, drei junge Tänzer_innen zeigten das Sammeln von leeren Plastikflaschen als traumartig verzögerten Existenzkampf.

Das Ganze, so die FAZ vom 15.8.2016 in einer ausführlichen Rezension mit dem Untertitel: ‚Geisterbahn durchs Unbewusste‘ war:

„eingewoben in einen kakophonischen Klangteppich, in dem jeder mit seiner Äusserung die Missachtung für die Ansage der anderen demonstriert. Zwischen Menschen in Sackgassen und Fallgruben taucht immer mal wieder der Botschafter auf. Er beschwört die Bedeutung seiner Botschaft und reduziert den Inhalt auf inhaltslose Anbiederung. Da ist die Anti- Botschafts –Protestbewegung unvermeidlich, an deren Spitze er sich selbst stellt- diplomatischer geht es nicht.“

  1. Zuschauerreaktionen

Das Publikumsinteresse war überraschend groß (ca. 120 Personen) und beschränkte sich nicht wie oft bei Performances auf die junge Generation.  Bemerkenswert war das rege Publikumsinteresse vor allem, da die Weihehalle der Unitarier als Location bis dato keine einschlägige Kultur-Adresse darstellt. Außerdem fiel die Aufführung in die Schulferien. Die Veranstalter vom historischen Museum/Stadtlabor haben uns bestätigt, dass es sich sowohl was das Publikum wie auch den Aufführungsaufwand anging um die größte Veranstaltung der Sommertour handelte. Man war sichtlich beeindruckt, ja berührt vom Dargebotenen: beim Flaschensammeln als Bhutotanz halfen Zuschauer_innen mit, beim Monolog der Softwareentwicklerin fing eine Zuschauerin buchstäblich an zu zittern (offenbar war es ein stückweit Ihre eigene Geschichte).

Manche Zuschauer_innen diskutierten mit den Darsteller_innen, beim Ausfüllen der Formulare war man hochmotiviert und wollte gar nicht mehr aufhören auszufüllen. An diesem Abend passierte etwas, was man nicht so oft in Frankfurter Theatern erlebt: ein Dialog zwischen Zuschauer und Performer. Wir hatten das Gefühl, dass die Zuschauer_innen sich nach diesem Dialog sehnten, dass es prickelnd für sie war, Performer_innen und Themen zum Anfassen zu haben, denn es waren Themen, die ihnen aus ihrem Alltag vertraut waren und von denen sie sich direkt angesprochen fühlten.

III. Die Macher_innen

Die Gründung der Frankfurter Botschaft ist ein gemeinsames Projekt von artes e.V. // Frankfurter Gemeine Kultur // Gruppe Crawan und SIKS (Stadtteilinitiative Koblenzerstrasse ). Die performative Installation wurde als “künstlerische Intervention“  für die Sommertour 2016 des Stadtlabors und des historischen Museums ausgewählt. Projektleitung, Texte und Konzept: Alexander Bußmann (artes e.V.), Bert Bresgen (Frankfurter Gemeine Kultur), Oliver Utis (Gruppe Cravan).

  1. Die Wiedereröffnung der Frankfurter Botschaft

Am 12. November 2016 wurde die Frankfurter Botschaft im Rahmen der „Offenen Kulturwochen“ in den Antagonhallen wiedereröffnet. Das Festival der offenen Kulturwochen fand zum ersten Mal in den Antagonhallen statt.

Anwesend waren diesmal ca. 60 Besucher_innen. Die viel kleinere Location sorgte für mehr Übersichtlichkeit. Die Performance war dichter und unmittelbarer, weil im Gegensatz zur Unitarier Halle alle Aktionen in einem Raum stattfanden. Deshalb war es schwerer, sich der Performance zu entziehen. Gleichzeitig hat die Antagonhalle eine spezielle Theateratmosphäre, die den ersten Eindruck der Gäste mitbestimmte. Dadurch war die Darstellung der Botschaftsrituale nicht so realistisch wie in der Weihehalle. Ein Theaterraum kann dieses Ambiente keinesfalls erzeugen. Die hervorragenden Darsteller_innen verwandelten den Raum nichtsdestotrotz auch hier in eine kafkaeske Szenerie, die gerade durch die Simultanität der performativen Akte in einem Raum umso eindrücklicher wurde, wenn auch anders als in der ersten Vorstellung. Die Verbindung zwischen den einzelnen Akten war hier sogar deutlicher erkennbar. Man konnte nichts verpassen. Auch die Wiedereröffnung war ein voller Erfolg und wir haben viel positives Feedback erhalten.

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