Hier finden Sie Beiträge zu Themen auf den Feldern Theater / Performance, Film, Musik, Kabarett, Gesellschaft

Wir freuen uns auf ihren Kommentar zu den Beiträgen !

artes- Programm 2019, 1. Halbjahr

Rückblick

artes bot im ersten Halbjahr 2019 eine spannende Mischung aus Musik, Theater, Kabarett und Film. Geboten wurde kulturelle Vielfalt auf einem künstlerisch ansprechenden Niveau mit in der Frankfurter Kulturszene zum Teil bekannten Namen.

 

Die Legende von Paul & Paula

am 23.2.2019 im Mal Seh’n Kino

Den Start machte „ Die Legende von Paul und Paula“, d e r Kultfilm der Ex- DDR der 70-er Jahre im SCHAURAUM des Mal Seh’n Kino.

Die ZuschauerInnen waren beindruckt vom raffiniert gestrickten Plot des Films, von den Verstrickungen und Widersprüchen, in denen die Hauptfiguren gefangen waren, wo es doch recht lange dauerte, bis sich die Protagonisten ineinander verguckt hatten. Beeindruckt war man auch von den grossartigen Hauptdarstellern Winfried Glatzeder und Angelika Domröse. Kurz : Der Film kam durch die Bank gut an, so gut, dass sich die Zuschauer auch noch den Nachspann anschauten, in dem Frau Domröse in wohltuend uneitler Weise über ihr Leben erzählte und darüber, wie der Film entstand.

Als Einführung berichtete Alexander Bußmann über die Rolle der Frau in der Ex-DDR der 70-er Jahre und über das Zusammenleben der Geschlechter. Dabei wurde deutlich, dass die „Ossi-Frau“ im Vergleich zur Frau im Westen freier und selbstbestimmter war –gleichzeitig hochbelastet in der Mehrfachfunktion: Hausfrau/Mutter/Arbeiterin. Alleinerziehende Frauen waren zu dieser Zeit im Osten häufiger anzutreffen waren als im Westen. Die Einführung von Bussmann war wichtig, um die Hauptfigur Paula besser zu verstehn.

 

 

FRANKFURTS WIEDERBESEELUNG

Am 23.3. und 24.3. in den Landungsbrücken

Eine Kooperation zwischen artes und dem Performancekollektiv „Die Frankfurter Botschaft“

Frankfurts Wiederbeseelung (Uraufführung am 21.9.2018 in der Weihehalle der Unitarierkirche) wurde als Wiederaufnahme diesmal in den Landungsbrücken präsentiert. Der neue Ort war ein Gewinn , weil er zwar wieder einen Hallencharakter hatte, aber kleiner war. Auch die Akustik war besser als in der Weihehalle, wo zu viel Hall war und so manches Wort unterging. Erstaunlich viel Zuschauer für die Verhältnisse der Landungsbrücken. Die Aufführung, die die Zuschauer mit grosser Aufmerksamkeit verfolgten, kam konzentrierter, dichter und gereifter herüber als noch die Uraufführung im Sep. 2018.

 

 

BLIND JOKI/ CHRISTOPH  AUPPERLE

am 26.4.2019 in der Weihehalle der Unitarier.

Leider war der in der Frankfurter Jazzszene gut bekannte Pianist Joachim Kirschner kurzfristig erkrankt . Der in der Frankfurter Musikszene gut vernetzte Pianist Christoph Aupperle fand einen adäqaten Ersatz : den Pop und Soulsänger Tai Garadi. Mit seiner souligen Stimme produzierte er mehr Laute und Töne als Text, die die Herzen der HörerInnen höher schlagen liess. Der zweite Teil war besonders groovig, so dass das Publikum sich nicht zurückhalten konnte, zu den Beats mitzuklatschen. Neben Eigenkompositionen standen u.a. Neil Young und Marvin Gaye auf dem Programm. Aupperle mit seinem melodisch-ruhigen Pianospiel , Göldner mit seiner einfühlsamen Rhytmik waren für Garadis Stimme der ideale Klangteppich .

 

 

Harz IV plus – Das innovative Beschäftigungsprogramm mit Herz

Uraufführung am 14. Juni 2019 im Kulturhaus am Zoo

Die vom Staat beauftragte Firma Innovabil möchte auf dem Arbeitsmarkt innovative Akzente setzen : Ihre Geschäftsidee ist neue Berufsfelder zu generieren, um das multitasking- Potential  von Arbeitssuchenden zu testen. Man verspricht sich davon Einsparungen auf dem Personalsektor, eine hocheffiziente Sache, wie es der Firmengründer Holger Kleinschmidt voller Enthusiasmus verkündet.

Beim Start von Innovabil kommt es allerdings zu Komplikationen, da sich für alle drei Testtage nur drei Testpersonen gefunden haben. Kleinschmidts Mitarbeiter, Herr Schmidt, gibt dies zu bedenken doch Kleinschmidt bleibt beharrlich: Man müsse das Programm durchziehn, da man Ergebnisse liefern müsse unabhängig von der Anzahl der Testpersonen.

Der Verlauf des Testprogramms gestaltet sich höchst absurd, denn der arbeitssuchende Bewerber ist an allen drei Testtagen ein und dieselbe Person. Zunächst bemerkt Herr Schmidt den Schwindel nicht, doch als dem Bewerber die Perücke vom Kopf fällt, kommt der Betrug ans Tageslicht. Trotzalledem besteht Herr Kleinschmidt darauf, den Test konsequent bis zum Ende durchzuziehn.

Die Inszenierung zeigt mit den Stilmitteln Clownstheater und Kabarett die wenig zielführende Vermittlungspolitik stattlicher Beschäftigungsprogramme im Kontext eines Kapitalismus neoliberaler Prägung, in dem sich die Ausbeutung der ArbeiterInnen verschärft hat.

Der Clown Hovo (Eckard Gröninger), auffallend durch seine Don Quichottsche Naivität, ist das Versuchskaninchen, das vom humorlosen Herrn Schmidt (Tim Vollrath- Kühne), eine Mischung aus Befehlsempfänger und hartz 4 Vollstreckungsbeamten, wie eine Zitrone ausgepresst wird.

Zuschauerreaktionen Manchen Zuschauern blieb das Lachen im Halse stecken, andere amüsierten sich köstlich. Man war gerührt und berührt von dem im Verlauf des Tests immer verzweifelter werdenden Hovo, ebenso verärgert über die inhumanen Behandlungsmethoden der Firma Innovabil.

 

 

BEAUTIFUL SKYLINE

Eine abgründige Reise durch das Europaviertel

Uraufführung am 29. Juni 2019 im Kulturhaus am Zoo

Beautiful Skyline war eine Auskopplung aus „ Frankfurts Wiederbeseelung“ und zugleich eine Weiterentwicklung. Der Fokus der Inszenierung von Alexander Bußmann lag auf dem Europaviertel respektive auf der Londoner Strasse.

Die Kartonästhetik ( Verwendung der Umzugskartons als Spielobjekte) wurde beibehalten. Veränderungen gab es bei der Textaufteilung zugunsten des Chores. Dadurch wurde das Chorische  mehr betont. Die Reisegruppe spielte den Kontrast zwischen ( scheinbarer) Begeisterung für die Kultur des Europaviertels, vornehmlich für die Konsumkultur und ihrer Kritik daran deutlicher heraus als in Frankfurts Wiederbeseelung.

Der 2. Teil war neu: darin wurden Geschichten über London erzählt, teils Bekanntes wie die Jack The Ripper Story, teil Unbekanntes, das aus Impro-visationen heraus entstand. Am Ende wurde es surreal, als der Reiseführer von der Gruppe mit einem Regenschirm in die ewigen Jagdgründe geschickt wurde.

Zuschauerreaktionen

Es gab ganz unterschiedliche Zuschauerreaktionen :

Denjenigen, die noch nicht im Europaviertel waren, kam die Inszenierung fremd vor. Diejenigen, die es kannten, fanden die Darstellung sehr treffend. Einige waren begeistert von der detailgetreuen Wiedergabe bei der Beschreibung der Wohnkultur im Europaviertel . Hier kommt ein Zuschauer zu Wort, der von Text und Inszenierung begeistert war : „ Begeistert von ihrer Arbeit Beautiful Skyline bitte ich Sie um Aufnahme in ihren Verteiler, um auch in Zukunft zu ihren Veranstaltungen gehen zu können.“ Michael S., Frankfurt, den 10. Juli 2019

Presseecho Das Feedback der Presse war zufriedenstellend : Beispiele : In der FR vom 28. Juni 2019 gab es in der FREIZEIT – Beilage eine Vorankündigung mit Foto von Beautiful Skyline und die FAZ ( Wochenendausgabe 29.,30. Juni 2019 ) platzierte im Kulturteil Beautiful Skyline als Veranstaltungstipp.

 

 

Fazit

Mit dem Veranstaltungsprogramm im 1. Halbjahr 2019 hat artes gezeigt, dass man mit kleinem Geld, geringem organisatorischem Aufwand und in relativ kurzen Zeiträumen Kunstveranstaltungen auf einem künstlerisch ansprechendem Niveau produzieren kann. Dennoch wollen wir nicht die Auffassung untermauern, dass man Kunst wie ein Billigprodukt bei Aldi haben kann. Der Arbeits und Personalaufwand ist bei artes e.V. beträchtlich, die Durchführung der Projekte ist nur dank viel ehrenamtlichem Engagement möglich und die Vergütung entspricht der Vergütung von geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen.

artes hat wie bereits schon in 2018 „ Nicht- Mainstream-Projekte“ in ganz unterschiedlichen Sparten und an solchen Locations durchgeführt, die in erster Linie nicht von einem sogenannten Leuchtturm-Publikum besucht werden, sondern von einem kritischen, politisch interessierten Publikum, das tendenziell aus dem linken Spektrum stammt. Damit wollen wir jedoch nicht behaupten, dass das „Leuchtturm- Publikum“  z.B. die BesucherInnen der Wiener Staatsoper nicht kritikfähig wären.

Gemeinsam war allen von mir beschriebenen Projekten mit Ausnahme des Jazzkonzerts , dass Sie Stellung bezogen zu drängenden gesellschaftspolitischen

Themen und Fragestellungen wie in Frankfurts Wiederbeseelung : städtischer WohnraumWem gehört er eigentlich?, in harz 4 plus : Über die sich verschärfende Ausbeutung von ArbeiterInnen in einem Kapitalismus neoliberaler Prägung, in Beautiful Skykline : Eine Kulturkritik eines Stadtteils, bei dem man sich fragt : Was hat er mit den Frankfurter Bürgern zu tun.

Beim Jazzkonzert war besonders, dass die Musiker sich einerseits gut kannten,  ( was förderlich für das Zusammenspiel war) , andererseits sie in der Konstellation Garadi- Aupperle- Göldner noch nicht oft spielten, was neue Impulse bei den Akteuren freisetzte.

Zum Ensemble : Bei den Projekten aus der Sparte Theater/Performance gab es unterschiedliche Besetzungen, dennoch kann man von einem artes- Kernteam sprechen . Sowohl in „Frankfurts Wiederbeseelung“ als auch in Beautiful Skyline wirkten Bert Bresgen, Alexander Bußmann und Annick Moerman ( allesamt  artes- Mitglieder) als DarstellerInnen mit, Bert Bresgen und Alexander Bußmann in der Mehrfachfunktion als Darsteller, Autor, Dramaturg und Regisseur.

Es gibt wohl kaum eine Kunstinitiative wie artes e.V. in der freien Theaterszene die es, ohne feste Spielstätte und Festförderung fertig bringt, mit kleinem Geld in recht kurzen Zeiträumen relativ viele künstlerische Veranstaltungen auf den Weg zu bringen, doch die eben beschriebenen Aktivitäten von artes im 1. Halbjahr von 2019 haben auch eine Kehrseite : Insbesondere die Theater bzw. Performance- Projekte konnten nur realisiert werden, weil die Darsteller grösstenteils zum Nulltarif spielten und weil der artes- Vorstand eine Menge ehrenamtliche Arbeit auf den Feldern Werbung und Organisation leistete .

Alexander Bußmann, ( artes- Vorstand )

Oberursel, den 31.07.2019

harz 4 plus – Das innovative Beschäftigungsprogramm mit Herz

Ein Kommentar von Alexander Bussmann.
Es ist bekannt, dass Herr Fischer von den Grünen zusammen mit Herrn Schröder von der SPD für das Projekt harz 4 verantwortlich waren. Harz 4 verabschiedete sich vom Sozialstaat und läutete das neoliberale System auf staatlicher Ebene ein, für die Grünen bedeutete das den Wandel von der Ökopartei zur neoliberalen Partei.

Weiterlesen

Kommentar zu “Die Londoner Strasse”

Kommentar zu Die Londoner Strasse / 11.10.2020 in der Weihehalle der UnitarierDas Europaviertel, symbolisiert durch die Londoner Strasse , ist blosse Etikette, woInternationalität behauptet, aber nicht gelebt wird – Ein Beitrag von Alexander Bußmann Wenn man als Fussgänger die Londoner Strasse im Europaviertel Frankfurt betritt, erinnert einennichts an das was man mit London verbinden könnte…
Weiterlesen

Kommentar zu “Geschichten des Totalitarismus”

Kommentar zu Geschichten des Totalitarismus / 7.9.2020 bis 5.10.2020 im Haus am Dom / Ein Beitrag von Alexander Bußmann – Mit dem ideologischen Feldzug des Antikommunismus machte Hitler bürgerliche Kreise und
Grossindustrielle sowie Vertreter der Deutschen Bank zu seinen Sympathieträgern

Weiterlesen

Frankfurts Wiederbeseelung

Frankfurts Wiederbeseelung – eine Fortsetzung des Projektes Frankfurter Botschaft von 2016, wurde als performative Installation mit 13 Darstellern gezeigt: viele, kurze ,motivisch miteinander verwobene Szenen, einige tänzerisch, einige theatral dargestellt. Die ZuschauerInnen konnten sich in der weitläufigen Halle der Unitarier frei bewegen und selbst entscheiden, was sie sich anschauen. Thematisch geht es um die Neue Altstadt und das Europaviertel.

Weiterlesen

Neues aus der Frankfurter Botschaft- szenischer Ausschnitt

Hier ein szenischer Ausschnitt aus der Polit- Satire  „Neues aus der Frankfurter Botschaft“ Premiere am 8.6.2018 in der Klosterpresse Frankfurt/Main | Mit Alexander Bußmann, Brigitte Schroth, Thilo Schwarmann | RUBRIK  Theater /Performance/ polit. Kabarett Wir befinden uns in einem Büro. Es könnte eine städtische Behörde sein. Im Hintergrund ist eine Uhr sichtbar, die keinen Zeiger…
Weiterlesen

Die Legende von Paul und Paula

Die Legende von Paul und Paula , Drehbuch : Ulrich Plenzdorf Beide wohnen gegenüber, ohne voneinander zu wissen : Paula, ohne Mann, aber mit zwei Kindern, bei einem Supermarkt als Kassiererin tätig und Paul, Referent in einer Aussenhandelsbehörde, verheiratet. Dann schliesslich passierts, sie begegnen sich einer Garage, da gibt’s zunächst Komplikationen, bis es zu ganz…
Weiterlesen

Mein Name ist Paul Wittgenstein / Am I okay for you?!

Noch einmal, kurz vor seinem Tod, hatte er sich zum Mittelpunkt seiner schon Jahrzehnte vorher von ihm selbst und seinen Freunden gezeugten Legende gemacht : Er war, ausgestattet mit einem geladenen Revolver, in höchster Erregung in das Juweliergeschäft Köchert auf dem Neuen Markt eingetreten, das einmal sein Elternhaus gewesen war und hatte, noch unter der…
Weiterlesen

Neue Frankfurter Altstadt

Lesen Sie hier einen kritischen Beitrag von Philipp Oswalt , Prof. an der Uni Kassel (Fachgebiet: Architekturtheorie und Entwerfen) zur Neuen Frankfurter Altstadt, im Zusammenhang  mit der performativen Installation “Frankfurts Wiederbeseelung”, uraufgeführt am 21.9.2018 vom Performancekollektiv “Die Frankfurter Botschaft” in der Weihehalle der Unitarier Frankfurt am Main. www.merkur-zeitschrift.de/2018/08/27/architekturkolumne-vorbild-frankfurt-restaurative-schizophrenie/ teilen 
Weiterlesen

POPULISMUS UND NEUE RECHTE am 21.3.2018 im Haus der Jugend Frankfurt am Main

Keine Kommentare
Sparring with an alt-righter Ausgangslage: Die Präsenz der neuen Rechten in europäischen Parlamenten und sozialen Medien kann weder geleugnet noch ignoriert werden. Ihre Gegner, ob sie nun aus dem linken oder dem bürgerlich-liberalen politischen Lager kommen, stellt dies vor die Frage, wie damit umzugehen sei. Im gesellschaftlichen Diskurs sind zwei gegensätzliche Antworten präsent: Die erste…
Weiterlesen

Fragen an Bert Bresgen zur Eröffnung der Frankfurt Botschaft

Keine Kommentare
Fragen an Bert Bresgen zur Eröffnung der Frankfurt Botschaft  Was wurde mitgeteilt? Unser Anspruch war vermessen genug: das unbewusste Frankfurt, das „Unsichtbare Frankfurt“ zu vermessen. Unsichtbar nicht zuerst in einem sozialen Sinn (mit Blick auf die Performancenotorischen „Anderen“), sondern im Sinne eines blinden Flecks. Der blinde Fleck betrifft die Macht. So wie eine der Botschaftsangehörigen…
Weiterlesen
Menü